Nach Corona: Die große Transformation?

Nach dem wochenlang endlosen Strom an Posts, Mailings und Artikel wissen wir jetzt hoffentlich alle, auf was es bei remote-Arbeiten und -Führung ankommt. Nun beschäftigen wir uns mit philosophisch angehauchte Einwürfen von Akteuren, die Corona als Zeitenwende propagieren. Nein, ich meine nicht den schönen, in warmen Farben gemalten Beitrag von Matthias Horx, in dem er beschreibt, wie wir in der Zukunft auf die jetzige Zeit zurückblicken werden. Ein im Coaching beliebtes Stilmittel, das gerne mit verschiedenen Zeitebenen spielt und nun auf die gesamte Gesellschaft angewandt.

Blicken wir vielmehr auf Beiträge, die uns verheißen, nach Corona werde alles anders. Und mit Metagedanken zu einer großen Transformation aufwarten. Beispielsweise der Überlegenheit diktatorischer Ansätze gegenüber demokratischen Formen. Oder dass uns eine radikalen Kehrtwende der Wirtschaft bevorstehe – in Richtung Gemeinwohlökonomie. Bis hin zum unaufhaltsamen Weg, systemrelevante Unternehmen zu verstaatlichen. Ganz zu schweigen vom endgültig besiegelten Niedergang der ach so wunderbaren Idee eines gemeinsamen Europas. Alles großes Besteck. Nicht klein und bescheiden, groß wird sich die Welt nach Corona verändern.

Wer erinnert sich noch an ein Buch aus dem Jahr 1992? Es hieß – für mich als Historiker so wunderbar schmerzlich – ‚Ende der Geschichte‘, geschrieben von Francis Fukuyama. Seine These etwas vereinfachend: Die westliche, kapitalistisch-geprägte Demokratie in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf (frei nach Erich Honecker). Nur kommt es schon mal vor, dass Diskurse, die auf das ganz große zielen, schnell von der Realität eingeholt werden. Die Verfallszeit der Thesen Fukuyamas fing mit dem Erscheinen des Buches bereits an.

Nach der Finanzkrise 2007 wurde es ähnlich fundamental und ein neues Finanz- und Wirtschaftssystem beschworen. Die Krise würde die Gier der Investmentbanker zerhäckseln und neues entstehen lassen oder wieder Real- und Finanzwirtschaft reintegrieren. Wenn ich mich nicht irre, ist bis heute nicht einmal eine weltweite Finanztransaktionssteuer implementiert worden, die diesen Namen verdienen würde. Und dass Banken seither gegängelt werden bei dem Schnüren riskanter Finanz-Pakete – vielleicht habe ich was verpasst oder mir fehlt schlicht die Fachkenntnis.

Geht es statt intellektueller Höhenflüge nicht ein Stückchen kleiner, pragmatischer, empirischer, lebenserfahrener? Wenn wir seit einigen Jahren von der VUCA-Welt reden, dann sollten wir doch hinreichend wissen, dass sie zutiefst komplex und mehrdeutig ist. Zeichnet sich etwas ab, gibt es gleichzeitig Indizien für die entgegengesetzte Entwicklung. Es gibt folglich nicht den einen Megatrend, sondern sich wiedersprechende. Meine These: Je komplexer und vielfältiger die Welt wird, umso weniger gibt sie sich dafür her, gesellschaftliche Metatheorien zu entwickeln. Analytische Blicke, die Divergenz aushalten, Zwickmühlen wahrnehmen und sich dialektisch entfalten, helfen uns mehr weiter.  Sicher ermöglichen es Metagedanken, Komplexität gedanklich zu reduzieren. Für die harte Wirklichkeit taugen sie dagegen weniger. Komplexität lässt sich nicht unterdrücken, sie verlagert sich dann auf andere Ebenen.

Übertragen auf die konkrete Nach-Corona-Zeit bedeutet dies, wohlgemerkt in meiner Sichtweise, für das, was ansteht: Es wird Unternehmen geben, die sich um mindestens 180 Grad drehen und ihren Fokus auf andere Prämissen denn Profit richten. Und trotzdem wird es genügend andere Unternehmen geben, die weiterhin fast nur auf Zahlen blicken und sich darauf konzentrieren, wie sie noch effizienter zu werden. Der Kapitalismus und mit ihm die Marktwirtschaft verschwinden ja nicht und damit auch nicht deren Gesetzmäßigkeiten.

Sicher wird der Staat die Wirtschaft schon allein aufgrund des Füllhorns an verteiltem Geld stärker beeinflussen. Nur hatte sich dieser Trend schon in den letzten Jahren abgezeichnet, dass sich der Neoliberalismus in Anbetracht der sozialen Ungerechtigkeiten und der ökologischen Krisen in Richtung Abstellgleis bewegt. Siehe Reckwitz’ ‚Ende der Illusionen‘. Aber wie weit das reicht, wird sich spätestens dann zeigen, wenn es um die Refinanzierung geht. Höhere Steuern, für wen? Oder ganz andere Lösungen. Das steht in den Sternen.

Genauso wie die Frage, ob der Aufstieg Chinas nach Corona endgültig unaufhaltsam ist. Nach dem Motto, ein totalitäres System sei als der ungleich bessere Weg für eine neue Welt. Wer hinter die Kulissen gerade Chinas schaut, ist sich nicht so sicher, ob Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wirklich unter perfekte Kontrolle gestellt werden können und nicht doch partizipative Ansätze auf die lange Bank hin stärker sind.    

Und ob Europa wirklich abkackt oder wieder die Kurve bekommt, ist gleichfalls nicht eindeutig zu beantworten. Es gibt für beide Seiten gute Argumente. Dies läuft vermuten, es gibt eher einen dritten Weg und wie der aussieht, wird Ergebnis eines zähen Ringens sein.

Fragen helfen meist mehr als große Aussagen. Metatheorien, Elegien oder Elogen, die eine große Transformation besingen, sind meiner Meinung nach nicht angesagt. Steuerbar ist in dieser Welt, wie uns Corona gelehrt hat, recht wenig.  Das sollten wir tunlichst aushalten. Und zudem, dass sich neues nur auf bestehendem entwickeln kann.