Agil und digital laufen auseinander

Reden wir über Digitalisierung, denken wir gleichzeitig an Agilität. Weil die traditionelle Linienorganisation mit ihrem starren Rahmen das Tempo der digitalen Transformation nicht mitgehen kann, sind selbstorganisierte Teams gefragt. Digitalisierung und Agilität seien folglich zwei Seiten der gleichen Medaille, so lautet das digitale Mantra.

Da ich mich trotz allem immer noch der Aufklärung und der Dialektik verbunden fühle, frage ich mich immer häufiger, ob die Verheißung wirklich zutrifft, digitale Technologien und agile Teams seien ein siamesischer Zwilling? Oder stoßen sie sich auf Dauer eher ab? Meine Hypothese geht in die letztgenannte Richtung: Ist die Digitalisierung erst tief in Organisationen verankert, schafft sie eine neue Form von (technischer) Herrschaft, die den Traum von Freiheit und Autonomie in der Arbeitswelt platzen lässt.

Vor einigen Monaten hatte ich noch geschrieben, dass digital-automatisierte Lösungen sukzessive das Innenleben von Organisationen regeln werden. Durchaus positiv gemeint. Nach der Lektüre von Beiträgen aus der Arbeitssoziologie (vor allem Simon Schaupp und Philipp Staab), geht meine Hypothese in eine neue Richtung.

Drei konkrete Beispiele stützen sie. Im ersten Exempel geht es um die uns aus der e-Commerce-Welt bekannten Bewertungsmechanismen von Akteuren, mit denen wir Transaktionen vollzogen haben. Nun übertragen sie Unternehmen in ihre interne Struktur. Mitarbeitende müssen sich gegenseitig bewerten – und das hat direkte Konsequenzen: Den gut gerankten winkt eine Gehaltserhöhung, dem breiten Mittelfeld die Nullrunde und über die schlecht bewerteten wird Gericht gehalten. Das kommt uns bekannt vor. Unter der Ägide von Jack Welch bei GE durften jedes Jahr 10 Prozent der als Low-Performer-Deklarierten ihren Koffer packen. Das geht jetzt schnell, einfach, digital. Und während unsere westliche Öffentlichkeit das chinesische Experiment eines Social Scoring der gesamten Bevölkerung von oben herab belächelt, scheint es für Unternehmen durchaus attraktiv zu sein, gewünschtes Verhalten zu erzwingen.

Das zweite Beispiel verweist auf eine andere Form von Kontrolle. Hier erkennen Algorithmen, wenn Mitarbeiter ihre anstehenden Tätigkeiten abgeschlossen haben und spielen dann automatisiert neue Aufgaben aus. Damit optimiert nicht mehr eine hochgradige Arbeitsteilung die Abläufe, sondern eine digitale black box, die unsere Arbeit im Hintergrund analysiert. Dann ist Kickern nicht mehr drin, Freunde. Richtig spannend wird es, wenn HR den Segen digitaler Anwendungen so richtig entdeckt und die Mitarbeiterschaft auf ganz neue Weise im Takt der Algorithmen aussteuert.

Das letzte Exempel kommt aus der Welt der Produktion: smarte Handschuhe mit Sensoren im Umfeld der Industrie 4.0. Diese senden unmittelbar Feedback an Menschen, damit sie ihre Handgriffe ständig perfektionieren können. Für ganze Fabrikhallen gibt es über Musik und Farben erste Experimente, die Produktivität ganzer Teams zu erhöhen, wenn es gerade nicht optimal läuft. Die Digitalisierung macht vieles möglich, unter anderem eine noch nie gekannte Optimierung menschlicher Arbeit.

Kommen wir zurück zu meiner Hypothese, dass agile Organisation und digitale Lösungen auf Dauer kein gemeinsames Bild ergeben könnten. Die Beispiele zeigen: Digitale Lösungen beerdigen nicht die tayloristischen Ansätze der guten alten Industrie, sondern könnten sie noch weiter treiben. Mit selbstbestimmtem und autonomem Arbeiten hat das nur noch wenig zu tun. In der neuen Welt bestimmt die digitale black box den Rhythmus der Arbeit.

Das beißt sich übrigens keineswegs mit dem Trend zu flachen Hierarchien. Denn durch die digitalen Optionen verliert Führung ihre immer noch wesentliche Funktion, die Kontrolle über die Arbeit anderer. Führung hat in der neuen Welt stattdessen Sinn zu stiften, als eine Art transzendente Begleitmusik in einer durchdigitalisierten Welt.

Dialektik kennt These und Antithese, manchmal gar Synthese. Für meine These gibt es jede Menge Einwände. Na klar. Und jede Menge anderer Szenarien. Ich träume zum Beispiel davon, dass wir uns mehr und mehr von der klassischen Lohnarbeit verabschieden, um das zu tun, für was wir wirklich Leidenschaft haben. Weil uns die Technik so wunderbar entlastet. Nur sollten wir alle digitalen Versprechungen kritisch abklopfen und uns nicht blenden lassen. Wir können immerhin offen und diskursiv aushandeln, wie wir digitale Technologien nutzen möchten und wie viel uns Freiheit und Selbstbestimmung auch in der Arbeitswelt wert sind. In dieser Diskussion bleibt die digitale black box stumm, dazu ist sie nicht in der Lage.

Subjekt oder Digitalisierung

Was verheißt uns nicht alles die schöne neue Welt der Digitalisierung. Wenn künftig alles vernetzt ist, steuern Geräte für uns, wie wir privat leben, einkaufen und kommunizieren. Während wir auf unserer Couch oder egal wo sitzen, managen wir per Smartphone unser Leben. Und wahrscheinlich haben wir in nicht allzu ferner Zeit auch unsere Heimroboter, die uns als digitale Assistenten bedienen.

In der Arbeitswelt? Haben wir vielleicht bald kein eigenes Team mehr, sondern tauschen uns nur noch virtuell aus. Entwickeln Algorithmen für Big Data unsere Strategien, da sie ungleich mehr verarbeiten können als menschliche Hirne. Bringen wir uns in sich selbst steuernde digitale Ströme als Helfer ein, die ab und an noch in die Automatismen eingreifen, wenn etwas nicht funktioniert.

Nicht nur in der Wirtschaft: Vor kurzem hat Google, dieser altruistische und die Welt-besser-machende Konzern laut nachgedacht, dass über Algorithmen und Datenanalysen bessere politische Entscheidungen getroffen werden würden. Ohnehin arbeitet dieser Gigant daran, unser gesamtes Leben zu verändern. In dem Mensch und digitale Techniken miteinander verschmelzen und wir unsere eigenen chemisch-biologischen Prozesse in real-time durch implementierte Mikrogeräte optimieren. Auf dem Weg zum wahren Transhumanismus.

Vor Jahren habe ich das alte Werk von Horkheimer und Adorno mit dem wunderbaren Titel ‚Dialektik der Aufklärung’ gelesen. Da ging es im Kern um die These, Aufklärung würde in instrumentelle Vernunft umschlagen. Dadurch werde die Ratio selbst wiederum zu einem Mythos, den sie eigentlich überwinden wollte.

Ist die Digitalisierung unserer Welt dann die auf den Höhepunkt getriebene instrumentelle Vernunft? Die nicht mehr über sich selbst und über die Frage reflektiert, was sie den Menschen, der Wirtschaft und der Gesellschaft bringt, sondern als selbstlaufende Datenmaschine unerbittlich und unwiderruflich alles überrollt. Ein alternativloser Selbstläufer, den wir ideologisch verklärt als Heilsbringer einer neuen Wirtschaft anbeten. In der wir durch Big Data privat und wirtschaftlich entblößt dastehen und nur noch goutieren, was uns die Algorithmen vorschlagen.

So läuft es schon bei Google und Facebook, die uns nur noch vorschlagen, was vermeintlich zu uns passt. Eine Art der individuell-persönlichen Entmündigung unserer eigenen Entscheidungen. Kaum sind wir der Religion entronnen, schlägt uns nun eine neue Form der Zahlenvernunft entgegen, die noch stärker ist. Einmal ins Leben gerufen, lässt sich die Digitalisierung nicht mehr aufhalten.

Vor kurzem habe ich einen Vortrag des Hirnforschers Gerald Hüther besucht. Er betrauerte, dass wir uns gerade in der Berufswelt nicht mehr als Subjekte begegnen, sondern unser Gegenüber nur mehr als Objekt betrachten. Eine Position, ein geführter Mitarbeiter, ein Funktionsträger. Aus Hüthers Sicht kommen wir voran, wenn wir unseren Kollegen auf einer menschlichen, einer Subjektebene begegnen. Nur so entstünde Lernen und Fortschritt. Darin spiegelt sich die ‚alte’ Sicht von Martin Buber, dass sich unser Ich nur im Austausch mit dem Du entfaltet.

Wie es sich damit in einer durchdigitalisierten Welt verhält, dazu fehlt mir die Fantasie. Roboter, künstliche Intelligenz, Smartphone – das ist nicht zwischenmenschliche, sondern verdinglichte, eindimensionale Kommunikation. Bleibt die Hoffnung, dass sie uns im Sinne von Buber mehr menschliche Begegnungen von Subjekt zu Subjekt eröffnet. Humane und instrumentelle Vernunft, ganz im Sinne der Dialektik.

 

PS: Ich mag Fortschritte und ich finde auch die digitale Transformation spannend. Aber wir sollten nicht blind sein, was sie für unsere Gesellschaft bedeuten.