Subjekt oder Digitalisierung

Was verheißt uns nicht alles die schöne neue Welt der Digitalisierung. Wenn künftig alles vernetzt ist, steuern Geräte für uns, wie wir privat leben, einkaufen und kommunizieren. Während wir auf unserer Couch oder egal wo sitzen, managen wir per Smartphone unser Leben. Und wahrscheinlich haben wir in nicht allzu ferner Zeit auch unsere Heimroboter, die uns als digitale Assistenten bedienen.

In der Arbeitswelt? Haben wir vielleicht bald kein eigenes Team mehr, sondern tauschen uns nur noch virtuell aus. Entwickeln Algorithmen für Big Data unsere Strategien, da sie ungleich mehr verarbeiten können als menschliche Hirne. Bringen wir uns in sich selbst steuernde digitale Ströme als Helfer ein, die ab und an noch in die Automatismen eingreifen, wenn etwas nicht funktioniert.

Nicht nur in der Wirtschaft: Vor kurzem hat Google, dieser altruistische und die Welt-besser-machende Konzern laut nachgedacht, dass über Algorithmen und Datenanalysen bessere politische Entscheidungen getroffen werden würden. Ohnehin arbeitet dieser Gigant daran, unser gesamtes Leben zu verändern. In dem Mensch und digitale Techniken miteinander verschmelzen und wir unsere eigenen chemisch-biologischen Prozesse in real-time durch implementierte Mikrogeräte optimieren. Auf dem Weg zum wahren Transhumanismus.

Vor Jahren habe ich das alte Werk von Horkheimer und Adorno mit dem wunderbaren Titel ‚Dialektik der Aufklärung’ gelesen. Da ging es im Kern um die These, Aufklärung würde in instrumentelle Vernunft umschlagen. Dadurch werde die Ratio selbst wiederum zu einem Mythos, den sie eigentlich überwinden wollte.

Ist die Digitalisierung unserer Welt dann die auf den Höhepunkt getriebene instrumentelle Vernunft? Die nicht mehr über sich selbst und über die Frage reflektiert, was sie den Menschen, der Wirtschaft und der Gesellschaft bringt, sondern als selbstlaufende Datenmaschine unerbittlich und unwiderruflich alles überrollt. Ein alternativloser Selbstläufer, den wir ideologisch verklärt als Heilsbringer einer neuen Wirtschaft anbeten. In der wir durch Big Data privat und wirtschaftlich entblößt dastehen und nur noch goutieren, was uns die Algorithmen vorschlagen.

So läuft es schon bei Google und Facebook, die uns nur noch vorschlagen, was vermeintlich zu uns passt. Eine Art der individuell-persönlichen Entmündigung unserer eigenen Entscheidungen. Kaum sind wir der Religion entronnen, schlägt uns nun eine neue Form der Zahlenvernunft entgegen, die noch stärker ist. Einmal ins Leben gerufen, lässt sich die Digitalisierung nicht mehr aufhalten.

Vor kurzem habe ich einen Vortrag des Hirnforschers Gerald Hüther besucht. Er betrauerte, dass wir uns gerade in der Berufswelt nicht mehr als Subjekte begegnen, sondern unser Gegenüber nur mehr als Objekt betrachten. Eine Position, ein geführter Mitarbeiter, ein Funktionsträger. Aus Hüthers Sicht kommen wir voran, wenn wir unseren Kollegen auf einer menschlichen, einer Subjektebene begegnen. Nur so entstünde Lernen und Fortschritt. Darin spiegelt sich die ‚alte’ Sicht von Martin Buber, dass sich unser Ich nur im Austausch mit dem Du entfaltet.

Wie es sich damit in einer durchdigitalisierten Welt verhält, dazu fehlt mir die Fantasie. Roboter, künstliche Intelligenz, Smartphone – das ist nicht zwischenmenschliche, sondern verdinglichte, eindimensionale Kommunikation. Bleibt die Hoffnung, dass sie uns im Sinne von Buber mehr menschliche Begegnungen von Subjekt zu Subjekt eröffnet. Humane und instrumentelle Vernunft, ganz im Sinne der Dialektik.

 

PS: Ich mag Fortschritte und ich finde auch die digitale Transformation spannend. Aber wir sollten nicht blind sein, was sie für unsere Gesellschaft bedeuten.

Lasst mich in Ruhe

Kennen Sie das auch? Ihr Telefon klingelt und eine Ihnen unbekannte Nummer erscheint im Display. Was nun? Siegt die Neugierde oder eher die Skepsis? Zumindest ich gehe schnell in Hab-Acht-Stellung. Oft trügt mich meine Vorahnung nicht: Ein Mensch von einer Werbe-, Marketing- oder PR-Agentur ruft an und startet ohne Punkt und Komma durch. Er ist auf Kundenfang – für interne Kommunikation, für eine Kampagne, für ein neues Marketing-Tool oder als PR-Agentur.

Das ist natürlich legitim. Nur ist die Crux dabei, dass ich den Namen dieser Agentur noch nie gehört habe. Ich kenne mein Gegenüber nicht. Geschweige denn habe ich die Mail gelesen, die mir im Vorfeld des Anrufs zugesandt wurde und die ich ganz sicher gnadenlos und ungelesen in den Papierkorb gejagt habe. Wahr, aber traurig für meinen Anrufer, dass ich dessen meist erste Frage, ob ich mit den Unterlagen etwas anfangen konnte, mit einem schlichten, aber deutlichen Nein beantworten muss.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt läuft das Gespräch in Schieflage und mein Gegenüber ist irritiert. Denn in aller Regel fehlt ihm Plan B, geht er doch – allen Erfahrungen und Kommentaren zu E-Mail-Fluten zum Trotz – davon aus, die Tür zu mir wäre bereits halb geöffnet und mit der ersten Mail-Aktion hätte er wenigstens einen Fuß in der Tür.

Ich gebe zu, dass ich dann oft unfreundlich werde, wenn nach dem vermaledeiten Start nichts Intelligentes mehr von meinem Anrufer kommt, was in der Regel der Fall ist. Dann reagiere ich schnell mit einer Gegenoffensive und frage den Anrufer, ob er denn wisse, wie viele solcher Mails und Anrufe ich erhalte (leider sind meine Daten im Web und auf diversen Portalen verfügbar).

Eigentlich, also im Kern, möchte ich ihm damit um die Ohren hauen, dass solche Anrufe nicht nur nicht exklusiv sind, sonder einem Schema F folgen und dass diese Art meine Intelligenz beleidigt. Für dieses ruppige Verhalten entschuldige ich mich hiermit bei all denen, die mich bisher angerufen haben und deren Name oder Firma mir noch während des Telefonats entfallen sind.

Wenn ich in schwachen Momente humane Anflüge habe, lasse ich mich auch breitschlagen und bejahe, dass mich die Agentur in einem halben Jahr wieder anrufen dürfe. Was leider meist geschieht. Human bin ich, weil ich um die hohe Kunst weiß, neue Kunden zu gewinnen. Leider und allen Markttrends zum Trotz geht es hier aber nach wie vor mehr um Masse statt Klasse. Gehe ich auf viele Akteure zu, so die Denke,  lande ich hin und wieder einen Treffer. Dagegen wäre Klasse, sich vorher Gedanken zu machen, was genau mich beeindrucken könnte. Wie ein dezenter Hinweis auf eine aktuelle Marketingkampagne meines Arbeitgebers. Oder eine kleine Skizze, wie sich innovative Marketingansätze auf meine Firma übertragen ließen. Schlicht ein smarter Aufhänger, der trifft und nicht anbiedert.

Mit zwei Worten: intelligent und individuell. Dann öffne ich die Türen. Leider ist das bei dieser Ansprache so gut wie ausgeschlossen. Schrotflinte, anstatt Kunden punktgenau anzusprechen. Das ist schade, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Der Markt und die digitale Transformation werden intelligente Kundenansprecher belohnen. Wer dies nicht drauf hat, lasse mich bitte in Ruhe.

Schöne kooperative Arbeitswelt?

In der Arbeitswelt der Zukunft wird nicht nur alles digitaler und vernetzter, sondern auch viel kooperativer, wenn wir dem vielstimmigen Chor der Propheten glauben. In der Binnenwelt der Organisationen würden sich die Silos auflösen und sich Mitarbeiter zunehmend entlang von Projekten und Themen abteilungsübergreifend organisieren.

Es entstehe eine Arbeitswelt, in der wir von Teilhabe reden und in der wir nicht mehr von mühsamen Prozessen und aufwändigen Schnittstellen reden. In denen in übergreifenden Netzwerken unterschiedliche Organisationen geschäftlich Fair Play spielen, auf Augenhöhe agieren und tunlichst darum bemüht sind, dass alle Partner eine win-win-Situation entwickeln.

Soweit der Chor der guten Stimmen, die unsere Arbeitsseele rhetorisch  erwärmen. Dagegen ist die reale Welt vergleichsweise kalt und zugig. In Gesprächen mit Bekannten, die in unterschiedlichen Unternehmen tätig sind, zeigt sich allerdings ein anderes Bild: Da schotten sich Abteilungen und Teams gegen diese bedrohlich naherückende Netzwerkwelt ab, beanspruchen Themen für sich und sprechen Kollegen  schlicht die fachlichen Kompetenzen ab (oder die menschlichen, aber das ist ein Tabuthema in vielen Organisationen: Wie kooperieren Kollegen, die sich gegenseitig kaum riechen können).

Menschliches, allzu menschliches. Und in unsicheren Situationen neigen wir dazu, dicht zu machen. Etwas anders gelagert sieht es aus, wenn wir mit Akteuren aus anderen Organisationen zu tun haben, um gemeinsame Geschäfte zu machen. Daran ist eigentlich nichts Bedrohliches. Deshalb singen die Apologeten der neuen digitalen Welt das hohe Lied gemeinsamer Wertschöpfungsnetze, in denen es prima zugeht und alle in Friede, Freude und Eierkuchen harmonieren.

Wirklich? Auch hier entpuppt sich die wirkliche Situation als nüchterne Welt. Win-win gibt es schon ab und an mal, das sind dann die Highlights. Aber mindestens genauso oft zeigt es sich dann, dass Partnerschaft oft sehr einseitig oder verschieden ausgelegt wird. Übrigens wäre auch hier zu fragen, ob sich dies in unserer andigitalisierten Welt verbessert hat oder gar in die andere Richtung kippt.

Veränderungen benötigen Zeit, das wissen wir. Hier wird sich langfristig sowohl in der Binnen- als auch Außenwelt der Organisationen positives tun. Das zeigen schon die Widerstände als Indiz. Sicher bin ich mir, dass eine Konstante bleibt: das gute, alte Vertrauen. Es basiert – trivial- auf tragfähigen zwischenmenschlichen Beziehungen, die auch und gerade von regelmäßigen persönlichen, oder sollte ich sagen: analogen Begegnungen leben. Gerade in einer Welt, die uns immer mehr Digitalisierung zumutet, bedarf es ein gerüttelt Maß an persönlichen Begegnungen. Und in der Kooperation den vielzitierten hanseatischen Handschlag. Dagegen erzeugen binäre Codes und programmierte Schnittstellen kein Vertrauen.

 

Hybride Organisationswelten

Früher war bekanntlich alles viel  besser. Da waren Organisationen noch fein säuberlich geordnet – nach oben und unten, Bereich und Abteilung, x und y. Tituliert wurde das ganze Konstrukt liebevoll entweder als Linien- oder als Aufbau- und Ablauforganisation. Eine geregelte Welt also, in der alles akribisch genau in Prozesshandbüchern und ähnlichen Werken dokumentiert war. Zu schade nur, dass die sagenumwobene digitale Transformation alles über den Haufen wirft. Denn In der neu entstehenden Welt bleibe kein Organisationsstein mehr auf dem anderen, prophezeien uns die digitalen Gurus, die es zuhauf gibt.

Oder bleibt doch einiges so, wie es ist? Wenn sich der Pulverdampf der revolutionären Verbalgeschosse gelegt hat, erhalten wir wieder klare Sicht auf unsere Organisationswelten. Und werden dann vielleicht feststellen, dass zwar durchaus neue Strukturen entstehen bzw. entstanden sind – von der kleinen Ausgründung einer innovativen Mannschaft über Teams, die ihren Chef selbst wählen bis hin zu Co-Working Spaces, in denen Mitarbeiter mit Menschen aus anderen Organisationen vernetzen.

Aber ist das als durchgängig und unsere neue Realität? Da setze ich ein dickes Fragezeichen.  Vielmehr bewegen wir uns hin zu hybriden Organisationswelten, in denen tayloristische Elemente aus der alten Industriewelt neben sich selbst steuernden Teams existieren. Hier entsteht folglich eine interessante Mischpoke und dass dies klar ist: ein Widerspruch in sich sind diese Hybride nicht. Vielmehr sind in unserer gegenwärtigen Arbeitswelt die Muster längst vergangen geglaubter Wirtschaftsepochen immer noch vorhanden Vielleicht nur noch rudimentär, aber jederzeit spürbar und sei es auch nur symbolisch, wie beispielsweise die klare Regelung, wie groß die Büros für Führungskräfte der verschiedenen Hierarchieebenen zu sein haben. Fragen Sie mal in Großkonzernen nach  Willkommen in den  organisatorischen Parallelwelten der Industrie-, der  Wissens- und der Kreativarbeit.

Umso interessanter wird in diesen spannenden und ungleichzeitigen als auch unüberschaubaren Organisationswelten bewegen. Sicher und fest aufzutreten, ist in dieser hybriden Welt nicht mehr. Viel passender reden wir deshalber besser von unsicherem, tastendem Voranschreiten, von experimentellem Umgang mit diesen hybriden Formen, bei denen wir nie genau wissen, wie die Organisation gerade getaktet ist und in welcher Welt sie sich aktuell befindet. Übrigens ist genau das auch ein Ergebnis der Befragung des Forums Gute Führung zu den Eigenschaften, die gute Führung künftig ausmacht: Umgang mit Ungewissheit und ein Abgesang an feste Planung und Wege.

Wer dies alles nicht ab kann und sich zurück zu Muttis Organisationszeiten sehnt, in der alles an seinem Platz lag, keine Sorge. In fast jedem Unternehmen wird es genügend Weggefährten geben, die sich jetzt in ihren Silos verbunkern und hoffen, der Kelch der neuen digitalen  Welt möge bitte an ihnen vorbeigehen. Die auf den guten alten Motor setzen und hybride Antriebe verabscheuen. Fragt sich nur, wo künftig der Brennstoff herkommt, der uns nach vorne bewegt: Sind es eher fossile Materialien oder aber spannungsreiche neue Gemische mit dem Malus, dass wir nicht wissen, wie sie wirken.

Betonmischer – die Wirklichkeit der Arbeitspolitik?

Vor kurzem hatte ich das Vergnügen, den Kongress „Das demokratische Unternehmen“ zu besuchen. Verbunden mit der Hoffnung, hier würde der neueste Stand progressiver Teilhabe in Organisationen diskutiert werden. Spätestens mit der  Key-Note von Andrea Nahles, ihres Zeichens Bundesministerin, wurde ich eines besseren belehrt.

In Zeiten eines steigenden digitalen Wandels buchstabiert die stramme Sozialdemokratin ein demokratisches Unternehmen schlicht nach wie vor in der Logik der alten Industriegesellschaft. Die Schlagwörter sind die gleichen, die wir aus der SPD seit Dekaden hören:  Mitbestimmung,  starke  Betriebsräte, soziale Sicherheit. Schutz der Ausgebeuteten.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Unsere Wirtschaft produziert natürlich soziale Ungerechtigkeiten, die es so weit wie möglich abzuschwächen gilt. D’accord. Nur hilft uns das in der sich immer stärkeren Beschleunigung der globalisierten Märkte nicht weiter, im Gegenteil. Hier ist elementar Anderes gefragt als die anstehenden Herausforderungen in der alten Denklogik schwerer kollektiver Machtapparate zu lösen. Und weiter zu regulieren, anstatt Raum zu lassen für Experimente oder auch mal Grauzonen zuzulassen, damit neues entstehen kann..

Natürlich wird es so sein, dass die Betondenker in ihrem Bemühen auf Dauer nicht damit durchkommen werden, ihre Machtpfründe und die ihrer verbündeten Apparate zu retten. Aber das wird dauern und verhindert bis dahin ein freies und offenes Zugehen auf das aktuelle Geschehen in der digitalisierten Welt.

So stehen bis auf weiteres die alten Mitbestimmungsblöcke gegen das Bedürfnis von Menschen, individuellere Lösungen für ihre Arbeit (und ihr Privatleben) im Rahmen ihrer Lebenssituation zu finden.  Oder neue Formen der Partizipation, wie Open Innovation, sich selbst organisierende Netzwerke und unternehmensübergreifende Netzwerke auf Basis eines digitalen Rückgrats.

Denn eigentlich hat sich das Spiel hat gedreht: Selbstbewusste Menschen entscheiden nun, wo und wie sie arbeiten möchten.  Je mehr sie in Raster und Apparate gedrängt werden, umso schneller steigen sie aus. Mit dem klaren Wissen, dass ihr Verständnis und ihre Art zu arbeiten sich wunderbar deckt mit den Anforderungen der digitalen Wirtschaft. Wissensarbeit will fließen, sich vernetzen, und nicht reguliert über Machtapparate organisiert werden.

Arbeit ist ein prägendes Element unseres Lebens und gibt uns im Guten viel Energie und Selbstbewusstsein. Wenn wir gerne zur Arbeit gehen, sprudeln wir, sind wir kreativ, treiben Dinge voran. Das umgekehrte gilt für das Gegenteil. Zu hoffen bleibt daher, dass uns die alten Lager nicht kaputt machen mit ihrer Regulierungswut und ihren nicht enden wollenden Versuchen, Individuen in kollektiven Blöcken platt zu machen.

PS: Übrigens hat der Kongress auch gezeigt, dass der Begriff Demokratie im Kontext von Unternehmen nicht passt. Er kommt aus dem politischen Raum und ist mit bestimmten Regularien verknüpft. Für Unternehmen ist es in meinen Augen sinnvoller, von Teilhabe oder Partizipation zu sprechen.

Wie, wo, Wettbewerb

Wer sich mit Marketing beschäftigt, stößt schnell auf das Thema Wettbewerb. Oder besser  wird gestoßen. Von Kollegen, die den ohnehin leid geplagten Marketers den neuen Facebook-Auftritt von Wettbewerber A, die supercoolen Werbegeschenke von B und, und, und um die Ohren hauen. In der Regel ohne Kommentare, meist begnügen sie sich mit dem dezenten Hinweis auf einen Link oder ein Bild. Verbunden mit der impliziten Botschaft, wieso wir Trottel das nicht auch so hinbekommen. Es ist wie beim Fußball: Dort gibt es bekanntlich 60 Millionen Bundestrainer – im Marketing ist dies ähnlich.  Und den Kollegen von Wettbewerber A geht es natürlich umgekehrt genauso, was immerhin einen kleinen Trost darstellt.

Verstehen Sie mich nicht falsch, geneigter Leser. Natürlich gilt es mehr denn je, den Markt zu beobachten. Sensibel und hellwach. Erst recht, seit die digitale Transformation etliche Geschäftsmodelle binnen weniger Monate zerbröselt und neue Wettbewerber auftauchen, die ganz woanders herkamen als die üblichen Verdächtigen, deren Daten so  akribisch genau in Datenbanken aufgelistet sind und regelmäßig aktualisiert werden (competitive intelligence – so lautet das anglizistische Schlagwort).

Nur: Enthalten diese Datenbanken wirklich interessante Infos oder stellen sie eher Fleißarbeiten dar. Viele Wettbewerber posaunen, aber was davon auf dem Markt ankommt, steht auf einem anderen Blatt. In der systematischen Wettbewerbsbeobachtung findet sich aber genau diese Hochglanz-Melodie  neben den öffentlich verfügbaren Kennzahlen wieder. Ob das wesentliche Dinge sind, wage ich zu bezweifeln. Spannender ist es dagegen, sich direkt und im persönlichen Dialog mit Wettbewerbern auszutauschen. Um den Schleier zu liften und das eigentliche erfahren, was gerade nicht in den Datenbanken steht: Wie gehen sie mit Kunden wirklich um? Wie sind ihre Prozesse strukturiert und wie ist ihre Organisation gebaut? Zentral oder dezentral? Oder was taugt ihr Management? Dies sind nur einige Beispiele.

Verbunden sollte dies sein mit der Haltung, Wettbewerber zu respektieren und zu akzeptieren, dass sie einige Dinge besser geregelt haben, andere dagegen schlechter. Und dass sie bei einigen Kunden kulturell schlicht besser passen. Abgesehen davon ist im Dienstleistungsgeschäft ohnehin die direkte persönliche Beziehung das entscheidende Kriterium und nicht das Unternehmen dahinter. Anders sieht dies bei produzierenden Unternehmen aus, deren Waren oder Maschinen sich unterscheiden. Dann macht auch ein strukturiertes Modell competitive intelligence Sinn, das aufzeigt, was meine Lösung besser kann als die der Wettbewerber, um Kunden genau darauf zu stoßen.

Ansonsten gilt wie stets, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und hier klar aufzutreten, statt sich ständig mit dem Wettbewerb zu beschäftigen. Kunden sind anstrengend genug, zu ihnen sollte die Energie fließen. Das ist allemal lohnender als sich um die Marketingaktivitäten der Wettbewerber zu kümmern. Entscheidend ist bekanntlich auf dem Marktplatz.