Haltung zeigen ist ‚in‘

Haltung zeigen ist ‚in‘

Wenn ich mich durch aktuelle Business-Magazine oder Social-Media-Posts lese, dann taucht ein Begriff immer häufiger auf: Haltung. Damit meine ich nicht die Bemühungen von rückgratgeschädigten Bürohocker um einen aufrechten Gang. Vielmehr geht es ans Eingemachte, um unsere innere Haltung. Dass sie derzeit medial boomt, ist naheliegend. Ein wirtschaftlicher Skandal jagt den nächsten, der Gesetzgeber schaut hilflos zu und gleichzeitig versagt die Governance von Unternehmen. Logisch, dass wir dann wenigstens persönlich Haltung zeigen wollen, zumal auch politische Korrektheit boomt. Ein innerer moralischer Kompass als Stabilisator.

Das alles passt gut ins Bild einer aktuellen Strömung in der Management-Literatur: Unternehmen agieren künftig nicht mehr als Profitmaschinen, sondern leisten wertvolle Beiträge für die Gesellschaft. Das heißt so schön Gemeinwohl-Ökonomie: Unternehmen dienen der Gesellschaft, nicht umgekehrt. Zu dieser großen Vision passt auf der individuellen Ebene der Begriff Haltung.

Ich verfüge (leider oder zum Glück) über eine ideologiekritische – ja – Haltung. Erst recht, wenn groß aufgeladene Wörter in unsere Begriffswelt einschlagen. Sicher ist Haltung eine Antwort auf die steigende Krisenanfälligkeit der Wirtschaft und das verständliche Bedürfnis nach (wenigstens) innerer Stabilität. Doch ist die Konjunktur von Haltung auch ein Indiz für den grassierenden Narzissmus. Es ist heutzutage schick, Haltung zu postulieren. Das veredelt unser Ego. Und dies wiederum passt gut in unsere Gesellschaft der Singularitäten, in der es vor allem um eines geht: individuelle Inszenierungen.

Solange Haltung keinen Preis hat oder einen Tribut fordert. Wie aber sieht es aus, wenn es ernst wird, es um meinen Job geht, um meine Karriere? Obsiegt dann wieder der schnöde, gleichwohl menschliche Opportunismus. Systemkonformität vor Haltung – ein uralter Konflikt, der bereits im antiken Theater gespielt wurde. Ich für meinen Teil mag es gerne bescheidener. Wer über Haltung verfügt, handelt entsprechend, ohne darüber Reden zu schwingen. Vielleicht gilt ja die Faustregel: Je mehr Manager über Haltung sprecht, umso weniger zeigen sie diese im Ernstfall. Eine in der Person verankerte Haltung macht sich nicht selbst zum Thema, eine narzisstische dagegen schon.

Und mal in den Raum geworfen: Wozu benötigen wir eine individuelle Haltung, wenn jedes größere Unternehmen mit ihrem Leitbild Haltung ohnehin institutionell verordnet. Jede Wette, dass in jedem Leitbild die Werte stecken, die wir auch für unsere eigene Haltung reklamieren: Wertschätzung, Vertrauen, Respekt und was nicht alles. Braucht es also noch Haltung, wenn es Leitbilder gibt? Ich verweise dezent auf die aktuellen Gallup-Ergebnisse. Sie stellen Unternehmen ein Armutszeugnis aus. Richtig zufrieden in ihrem Berufsalltag ist nur eine kleine Minderheit. Mit den Leitbildern scheint es also jenseits von Hochglanz in der Realität nicht so weit her zu sein.

Das zeigt: Viele Menschen lösen Haltungsfragen individuell und vertrauen nicht auf ihr System. Dann wäre das heiße Thema Haltung nicht nur ein Ausdruck von Narzissmus, sondern auch ein Indiz für den schlechten Zustand unserer Organisationen. Dann müssten wir intensiv darüber streiten, was es an systemischen Rahmenbedingungen bräuchte, um Haltung nicht nur zu verkünden, sondern auch zu leben. Nur: Wer hat den Mut, darüber in Unternehmen offen zu diskutieren? Das wäre wohl schon zu viel an realer Haltung.

Dieser Beitrag spiegelt ausschließlich meine privat-persönliche Meinung wieder. Stets gilt für mich: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“.

 

Das Unbehagen in der Wirtschaft

Täusche ich mich (was oft vorkommt)? In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen, dass sich immer mehr Menschen unwohl fühlen, wie in der globalisierten Welt Wirtschaft buchstabiert wird. Ich erinnere an das bekannte Werk von Sigmund Freud „Das Unbehagen in der Kultur“, in dem er – aus seiner psychoanalytischen Perspektive – aufzeichnet, wie Kultur Menschen daran hindere, ihre Bedürfnisse auszuleben. Übertragen wir die Hypothese Freuds auf die Ökonomie wäre zu fragen, ob uns die ständigen Marktpredigten unendlich vieler Volks- und Betriebswirte – in Freud’scher Terminologie: der Überbau – davon abhalten, auf unsere Bedürfnisse zu blicken.

Was jetzt aber häufiger geschieht, um an meine obige Aussage anzuschließen. In der jüngsten Zeit hatte ich drei spannende Begegnungen oder wie es heutzutage so schön heißt, Impulse. Der erste war ein Vortrag von Christian Felber auf der mind conference zur Gemeinwohl-Ökonomie. Er verwies darauf, dass die Wirtschaft dem Gemeinwohl diene und nicht der Geldmaximierung. Die aktuell vorherrschende Wirtschaft, so Felber, verwechsle Mittel und Ziel. Geld zu erwirtschaften sei nicht das Ziel der Ökonomie, sondern nur ein Mittel, um Nutzwert für Menschen zu erzeugen. Sein Vorschlag: Die Volkswirtschaft wie auch einzelne Unternehmen sollen nicht mehr unter monetären Aspekten bilanzieren, sondern unter den fünf Aspekten Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit und Demokratie. Die Bewegung zur Gemeinwohlökonomie nimmt übrigens mehr und mehr Fahrt auf.

Mein zweites Beispiel ist der Diskussionsbeitrag von Prof. Günter Faltin auf dem Bildungsgipfel in Mannheim im Juli 2016. Er sprach davon, dass eine Seins- die Haben-Ökonomie der Vergangenheit ablösen könne. Wir hätten keinen Mangel mehr, sondern Überfluss. Daher gehe es um intelligentes Wachstum, für das er auf ökonomiefremde Entrepreneure setzt, deren kulturelle Basis nicht aus der Wirtschaft, sondern aus anderen Systemen komme. Durch sie entstünden neue Lösungen sowie Ideen und letztendlich eine bessere Ökonomie, die wieder vom Menschen ausgehe.

Mit einem Zen-Meister, mein drittes Exempel, sprach ich über Achtsamkeit. Er erwähnte dabei, wie vielen Menschen er begegne, die unter dem sich ständig drehenden Hamsterrad leiden und trotzdem keinen Ausweg aus ihm finden würden. Die wissen, dass es so für sie nicht weitergehe, weil der körperliche und geistige Preis zu hoch sei. Und die, so meinte er, als Lösung häufig einen Big Bang des Systems ersehnen würden. Eine Art Reset, zurück auf Null.

Natürlich bieten diese drei Beispiele keine neuen Weisheiten. Nur: Das Unbehagen vieler Menschen in ihren wirtschaftlichen Bezügen steigt, das zeigen mir auch viele private Gespräche. Der Wunsch, es möge sich etwas ändern, er nimmt kontinuierlich zu. Und kommt über kurz oder lang in der Wirtschaft an. Oder ist es bereits: Dass die Wirtschaftselite in Davos in diesem Jahr über ein Grundeinkommen diskutierte und kürzlich renommierte Aktiengesellschaft aus den USA den Druck kritisierten, den das ständige Reporting ausübe und sie am langfristigen Wirtschaften hindere, spricht Bände.