Mensch oder Struktur – Organisationen in der Zwickmühle

„Wir bauen unsere Organisation nicht um Menschen herum.“ Diesen Satz habe ich in meiner Berufslaufbahn schon oft gehört. Und er hat mich früher schwer beeindruckt: Mir vor Augen geführt, welch kleines Licht ich in Anbetracht der allmächtigen Strukturen bin. Der Nationalökonom Max Weber sprach mal vom ‚stahlharten Gehäuse der Hörigkeit‘. In ihm bleibt Mitarbeitern nichts Anderes üblich als sich einzureihen.

Heute frage ich mich jedoch, ob dieser Satz noch gilt. So häufig wie noch nie lesen und hören wir jetzt, dass gerade Mitarbeiter den Unterschied ausmachen. Auf genau sie komme es an, mit all ihrer Qualität und Kompetenzen. Dagegen seien digitale Lösungen auf Dauer nicht exklusiv – sie kann schließlich jeder implementieren.

Müssten wir dann nicht den Spieß umdrehen und unsere Organisationsstrukturen an die Kompetenzen von Menschen anpassen? Dieser Prozess ist, wenngleich nicht flächendeckend, längst im Gange. Denken wir an agile Teams: Sie organisieren sich selbst und geben sich eigene Spielregeln. Gemäß den Bedürfnissen ihrer Teammitglieder und oft jenseits der Vorgaben ihrer Apparate.

Zudem verlieren die funktionalen Jobbeschreibungen aus der guten alten Industriegesellschaft immer mehr an Gewicht verlieren. Weil sie nicht über die notwendige Dynamik verfügen und den Marktanforderungen hinterherlaufen. Denn ihr Gehäuse schränkt unsere individuellen Kompetenzen ein. Stattdessen sprechen einige Unternehmen jetzt von – flexibel handhabbaren – Rollen, die besser zu sozialen Prozesse und vernetzten Strukturen passen.

In der Tat stärkt diese Entwicklung die Stellung der Mitarbeiter und lässt den Strukturbeton der Organisation zerbröseln. Wir können es uns nicht mehr leisten, die Kompetenzen und das Wissen von Menschen in Strukturen einzumauern. Vielmehr sollten diese fließen und sich mit anderen verbinden. Genau das setzt Energien frei, die unsere Gehäuse blockiert haben. Bei Peter Drucker heißt es, dass Menschen ihre eigenen Stärken stärken sollten. Wenn Organisationen ihren Mitarbeitern dies ermöglichen, entsteht Mehrwert für alle. Im Fußball passiert derzeit ähnliches: Gefragt sind nicht mehr Spieler, die in Systemen funktionieren, sondern diese durchbrechen. Weil sie kreativ sind, anders und unberechenbar. Das erzeugt Situationen, die Spiele entscheiden.

Spinne ich diese Entwicklung konsequent weiter, lautet meine Hypothese: Durchgängige und integrierte digitale Lösungen übernehmen mehr und mehr die Rolle der alten industriell-arbeitsteiligen Strukturen und entwickeln sich zum neuen organisatorischen Rückgrat von Organisationen. Mithilfe von automatisierten Abläufen regeln sie deren bürokratisches Innenleben und eröffnen gleichzeitig mehr Frei- und Spielraum für Menschen und ihre Stärken. Dies wäre mein hoffnungsvoller und zugegeben anthropozentrischer Ansatz.

Ob sich allerdings viele Unternehmen auf einen solchen Weg begeben? In der Systemtheorie ist es der Zweck von Organisationen, sich selbst zu erhalten. Mithilfe ihrer Strukturen, Organigramme, Handbüchern, und, und, und. Sie sorgen für Stabilität und Sicherheit. In einer neuen Organisationswelt würden sie diese Logik ad acta legen und stattdessen auf Menschen bauen. Allerdings mit dem Malus verknüpft, dass diese sich jedoch immer weniger gebunden fühlen. Das könnte sich zu einer kniffligen Zwickmühle entwickeln. Auf der einen Seite gilt es, Mitarbeiter zu befreien, um auf den Märkten besser zu punkten. Und auf der anderen Seite steht das legitime und notwendige Streben nach interner Stabilität. Nach der so wichtigen Sicherheit, die Halt gibt. Wie so oft ist bringt uns Dichotomie nicht weiter. Vielmehr ist beides angesagt, Autonomie und Bindung, allerdings in einer anderen Mischung als gegenwärtig.

Verantwortung oder Gesinnung im digitalen Sog

In seinem Beitrag „Der Beruf zur Politik“ hat der Soziologe und Nationalökonom Max Weber zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik unterschieden. Ist es Zufall, dass ich derzeit an Max Weber denke? Natürlich ist dies eine rhetorische Frage, ein dramaturgischer Trick des Autors: Es ist kein Zufall. Und das nicht nur, weil ich ein Freund klassischer oder sollte ich besser sagen: zeitloser Denker bin. Sondern weil sich die unauflösbaren Spannungen zwischen diesen beiden konträren ethischen Grundhaltungen derzeit so wunderbar in den digitalen Verwerfungen spiegeln.

Gerade in den Social Media beweihräuchern sich digitale Einheimische gegenseitig mit hippen Schlagwörtern. Gesinnungsbrüder und -schwestern der digitalen Gemeinde. So weit weg ist das gar nicht von Religion. Nur geht es hier nicht um die Anbetung Gottes, sondern der Digitalisierung und der mit ihr verbundenen Veränderungen, die uns ins gelobte Land demokratischer und jederzeit agiler Organisationen führen.

Knifflig wird es, wenn diese digitale Monstranz auf die vermaledeite Wirklichkeit von Organisationen stößt. Auf deren Geschichte und Strukturen. Geprägt von knochenharten Silos, bekannten Machtspielen und Null-Bock-auf-Veränderung-Akteuren. Nein, ich hege keine heimliche Zuneigung für Blockaden und bin alles andere als strukturkonservativ. Vielmehr geht es mir um den Ausgangspunkt unseres Handelns und Denkens: Sind es die Verheißungen der neuen digitalen Welt, eine Spielart von Gesinnung? Oder ist es die schnöde Realität, die Art und Weise, wie sich Menschen in Organisationen und deren Strukturen bewegen.

Dann reden wir von staubtrockenem Pragmatismus, der im guten Fall getragen ist von Verantwortung für Menschen. „Ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß“, heißt es bei Weber so schön. Die traurige Gewissheit von Verantwortungsethikern. Wer dagegen von seiner Gesinnung überzeugt ist und so mit dem Kopf durch die Wand will, erntet Haltungspunkte, läuft aber Gefahr, im realen Leben wenig bis nichts zu bewegen. Und wenn es schlecht läuft, werden dadurch Gräben aufgerissen oder bestehende vertieft.

Nicht umsonst hielt Weber die Kluft zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik für unüberwindbar. Sekt oder Selters, aber kein Schorle. Na klar ist es ist gut, Predigten zum digitalen Wandel zu lauschen. Sie rütteln unser neuronales Netzwerk auf. Zu recht. Doch kommen wir ohne Verantwortungsethik wirklich weiter? Haben wir mit der richtigen Gesinnung auch nur einen Blumentopf gewonnen geschweige denn verrückt. In den zähen Alltag eintauchen, ist ein anderes Spiel. Es bedeutet, Themen breit als auch tief zu analysieren, viele Meinungen an einen Tisch zu holen, diese von verschiedenen Aspekten aus zu bewerten und erst danach zu handeln. Das ist mühselig und zäh, alles andere vergnügungssteuerpflichtig. Nur einen anderen Weg gibt es zumindest für Verantwortungsethiker nicht.