Die zunehmende Entkoppelung

Die Diskrepanz zwischen hippen Begriffen und der (trivialen) Wirklichkeit bewegt mich seit meinem Studium. Aus diesem Grund handelte meine Magisterarbeit Begriff und Wirklichkeit grüner Basisdemokratie ab. Mein damaliges Fazit: Sie schlägt in ihr Gegenteil um, in die Herrschaft von wenigen Aktiven. Wer ans äußerste geht, landet oft auf der entgegensetzten Seite.

Meinem Faible, Talking-Action-Gaps kritisch zu durchleuchten, bin ich treu geblieben. Entsprechend habe ich die Managementbegriffe und -moden der letzten Jahrzehnte stets mit dem verglichen, was in Unternehmen wirklich ankam. Meine Bilanz fällt nüchtern aus: Zwar haben sie die Geldbeutel von Beratern gefüllt, den betrieblichen Alltag jedoch kaum nachhaltig verändert.  

Das ist alter Kaffee. Wie sieht es gegenwärtig aus? Im Zuge der durch die Digitalisierung vorangetriebenen Transformation wurden neue Begriffe kreiert, deren Echo die Social-Media-Kanäle ausfüllt. Endlich haben Evangelisten (oder soll ich sagen: Narzissten) einen Tummelplatz gefunden, um Begriffe wie die agile Organisation, New Work, Purpose … zu verkünden. Mit heißer Luft lässt sich Realität jedoch nur schwer beatmen. Vielmehr entkoppeln sich unsere Begriffswelten und unsere Realität noch weiter, je mehr sie herausposaunt werden. Siehe oben den Hinweis auf das äußerste. An drei Beispielen möchte ich dies festmachen: an Führung, Purpose und Achtsamkeit.

Neue Führung verlangt fürwahr herkulinische Fähigkeiten: Sie soll transformational, agil, empathisch und was der Geier alles sein. Die Zahl der Beiträge und der gutgemeinten Checklisten dazu überschlägt sich förmlich. Die Crux ist nur: Das Tempo, das die Begriffswelt anschlägt, entschleunigt sich in der Wirklichkeit auf wenig über Null. Denn Führung ändern, bedeutet Führungskräfte verändern. Diese haben sich in ihrer ganzen Sozialisation persönliche Kompetenzen angeeignet, die nur bedingt für transformative Führung taugen. Und befinden sich aktuell in Organisationen, die noch von klassischen Führungslinien gezeichnet sind. Leider gibt es für Menschen (noch) keinen Daten-Refresh oder ein Update. Neue Führungsmuster zu etablieren, benötigt Jahre (oder Jahrzehnte). Vieles, was rund um neue Führung palavert wird, nimmt dies nicht zur Kenntnis.  

Wie wohltuend klingt Purpose im Gegensatz zum harten Beat von Effizienz und Effektivität. Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb, stiften gesellschaftlichen Sinn und verwirklichen uns gleichzeitig selbst. Wer die Purposes vieler Unternehmen goutiert, fühlt sich in universelle Sphären versetzt. Biete den größten gemeinsamen Nenner und rette die Welt. Worthülsen sind uns geläufig, die kennen wir schon aus den Leitbildern. 

Und der Realitätscheck? Ihre Geschäfte im Sinne ihres Purpose substanziell verändert, haben bisher nur wenige Unternehmen. Für Aktiengesellschaften funktioniert dies ohnehin nicht: Welchen Shareholder interessiert Sinn, wenn die Kasse nicht klingelt? Immerhin bemalt der Purpose die Employer Brand in leuchtenden Farben – leider verbunden mit dem Risiko, dass kognitive Dissonanzen und der Zynismus in Organisationen noch weiter grassieren. 

Achtsamkeit hüllt uns ebenfalls wohlig ein. Kaum ein Unternehmen würde von sich behaupten, Achtsamkeit zu ignorieren. Gemeinsam gegen Burnout und für Gesundheitsförderung, das unterschreibt fast jedes Unternehmen. Dagegen zeigen Statistiken, dass psychische Erkrankungen keineswegs ab-, sondern zunehmen. Kein Wunder, der Druck und das Tempo im Kessel von Organisationen steigt. Daran hat Corona nichts geändert. Im Gegenteil: Viele Unternehmen haben die ersparte Anfahrtszeit ihrer Mitarbeiter einfach zur Arbeitszeit deklariert. Ganz zu schweigen von dem alten Konflikt zwischen Privat- und Arbeitssphäre. Das Homeoffice ist kein per se glückseligmachender Raum und gerade für Frauen ist es derzeit nicht mit Achtsamkeit verbunden. Daher sollten wir die Social-Media Jubelarien über das Homeoffice von Senior Managern über das Homeoffice aus dem Wolkenkuckucksheim klassischer Beziehungen nicht für bare Münze nehmen.

Schwarzmalerei? Keineswegs. Wir sollten uns nur nicht in die Tasche lügen, sondern mit Realität respektvoll umgehen. Hilft uns hierbei der nüchterne systemtheoretische Blick? Die frischen Beiträge von Stefan Kühl schärfen den Blick auf die Organisationswirklichkeiten. Andererseits strahlen sie eine technokratische Kälte aus, die uns an den zu Ende gehenden industriellen Taylorismus erinnert. Ob systemische Ansätze der Gegenwart unserer Netzwerkstrukturen und neuen Wertschöpfungsmodelle gerecht werden, bleibt dagegen fraglich. Auch Theorien sind geschichtlich.  

Meine kleine Antwort gegen die Welt der hippen Begriffe lautet Bescheidenheit. Keine großen Würfe. Viel wäre gewonnen, wenn Organisationen intern über ihre Talking-Action-Gaps sprechen würden. Interaktiv und hierarchieübergreifend. Mit offenen Ohren, ohne basisdemokratisch inszenierte Vorstand-trifft-Mitarbeiter-Runde und ohne die Begleitmusik von Dünnpfiff-Parolen aus den aseptischen Kammern der Vorstandsbüros. Ansonsten entgleitet Kommunikation schnell wieder in ein opportunistisches Hinterher-Reden. Ich spreche von hinreichend echter Kommunikation, die Dinge auf den Tisch legt und kritisch verhandelt. Unplugged heißt es so schön in der Musikwelt. Dann könnte in Organisationen so etwas wie Resonanz entstehen, aus der eine neue Realität entsteht. Ohne das Brimborium großer Managementbegriffe.