Nähe in der virtuellen Welt

Dass der digitale Raum aufgrund der Corona-Umstände endlich zu unserer neuen Heimat geworden ist, verheißen die vielen Hohelieder, die Akteure auf Social Media rauf und runter beten. Natürlich ist dies ihr gutes Recht ist, schließlich muss sich die Schulung zum Social Seller auch auszahlen.

In der Tat erweckt vieles den Eindruck, digitale Räume seien zu unserem Zuhause geworden, egal ob sie auf Zoom oder Microsoft Teams gebaut sind. Längst gibt es digitale Kaffeerunden, zu denen sich Menschen virtuell verabreden oder gar digitale Weinproben, in denen sich Mitarbeiter allein zuhause und doch im digitalen Kollektiv glücklich trinken. Es scheint so, als ob vieles, was wir an unserem analogen Leben geschätzt haben, problemlos auf digitalen Plattformen angesiedelt werden könnte. Der digitale Sog macht vor nichts Halt, was nicht analog niet- und nagelfest ist.

Wobei: Richtig ausgemacht scheint das noch nicht zu sein. Die Stimmen mehren sich, die nach einem halben Jahr Homeoffice das menschlich-allzu menschliche vermissen, wie das persönliche Treffen in der Küchenecke oder das gemeinsame Feierabendbier. So ganz scheinen wir uns noch nicht vom Lagerfeuer entfernen zu wollen. Richtig warme Gefühle erzeugt die kalte virtuelle Welt (noch?) nicht, nur bei Controllern.

Nichtsdestotrotz erzeugt sie eine neue Form von Nähe, die mich zum einen fasziniert und zum anderen irritiert. So rücken uns die Gesichter von Menschen in virtuellen Formaten plötzlich sehr nahe. Während wir in unserem physischen Leben bemüht sind, räumliche Nähe im Sinne unserer subjektiven Schutzzone zu regulieren, können wir uns nun nicht den Gesichtern von uns teils unbekannten Menschen entziehen, die direkt auf unserem Bildschirm in ganzer Größe aufpoppen. Je näher sie an ihre Kamera gerückt sind, umso mehr nehmen wir wahr, wie sie sprechen, wie sich ihre Mimik verändert und welche Spuren sich in ihr Gesicht gezeichnet haben. Sie rücken uns also sehr nah, zum Greifen nah – und wir können die für uns passende Distanz virtuell nicht regulieren.

Gleichzeitig können wir Andere jederzeit beobachten, ohne dass es ihnen bewusst ist. Schwer denkbar in realen Räumen. Wie reagieren sie auf das Gesagte? Fühlen sie sich vor ihrer Kamera so privat, dass sie sich – im Gegensatz zu realen Meetings – unbeobachtet fühlen und ihre Reaktionen weniger kontrollieren? Wir machen uns in virtuellen Räumen noch viel zu wenig bewusst, dass wir jederzeit beobachtbar sind.  

Das gilt Übrigens auch für unsere Privatsphäre, die den Hintergrund ausfüllt. Hier gibt es – so mein Eindruck – die Akteure, die sich bewusst vor einer Kulisse inszenieren, um Assoziationen zu erwecken. Und andererseits diejenigen, die nicht darüber nachdenken oder denen es schnuppe ist, welche Rückschlüsse andere Menschen aus ihrem Interieur ziehen. Für mich jedenfalls entstehen kleine Lebensgeschichten zu den Menschen. Das erzeugt eine befremdliche Nähe. Dagegen haben die vielen gesichtslosen Büros, in denen ich mich jahrelang bewegt habe, den Charme, Privates zu vertuschen. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.

Gemeinhin beende ich meine Posts mit einem kleinen Ausblick und heute mit einem Plädoyer an Unternehmen. Es lautet: Schult Eure Mitarbeitenden nicht darin, uns mit billigen Inhalten auf digitalen Plattformen zu traktieren. Sondern helft ihnen, sich fundierte Medienkompetenz (und Mediensouveränität) anzueignen. Ansonsten bleibe ich bewusst altmodisch. Mich ermüden virtuelle Konferenzen. Weiter rede ich am liebsten direkt mit Menschen und trinke mit ihnen einen Schoppen in der Kneipe. Dadurch entsteht Nähe und gleichwohl kann ich jederzeit die Distanz regulieren.

Altmodische Kommunikation?

Könnte sein, ich gehöre einer aussterbenden Spezies an? Zu der, die immer noch davon glaubt, Kommunikation gelinge nur dann, wenn sich zwei oder mehrere Menschen gegenüber sitzen und miteinander reden. Wieso dies so ist, hat uns Paul Watzlawick in seinem alten und nach wie vor lesenswerten Schinken „Menschliche Kommunikation“ gepredigt: Um die Aussagen meines Gegenübers zu verstehen, benötigen wir den Anker auf der Beziehungsebene. Also da, wo es nicht um den eigentlichen Text geht, sondern um Stimme, Körper, Gestik und Mimik. Nur wenn ich diese vor Augen habe und sie erspüre, kann ich mir den Inhalt – einigermaßen – zusammenreimen.

So weit, so gut, dachte ich. Deckt sich mit meinem Bild. Von daher fühlte ich mich bestens gewappnet gegen die Bewohner des Internet, die statt haptischem Papier und Kneipenpalaver auf Social Media und Kommunikation in neue Bausteine zerlegen. Gegen die Kraft des guten persönlichen Dialogs komme die eindimensionale digitale Kommunikation nicht an.

Weit gefehlt. In einer spannenden Diskussion mit einem sehr geschätzten Polit-Prof fühlte ich mich vor kurzem entlarvt als altmodischer Kommunikator, der die neuen Kommunikationsdimensionen des unendlich weiten Internets noch nicht begriffen hat. Meiner These, dass virtuelle Kommunikation nicht wirklich gelingen könne, weil die Beziehungsebene fehle, hielt er frech entgegen: In der virtuellen Welt würden sich neue Kommunikationsformen und –rituale herausbilden, über die sich die Bewohner der neuen Welt auch ohne persönlichen Kontakt verständigen würden. Ein neuer Kommunikationshabitus entstehe, in dem sich die jüngeren Generation bereits einüben. In nicht allzu ferner Zeit wäre dies so entwickelt, dass ich meine altmodische Sicht auf Kommunikation abhaken könne. (Ok, ich übertreibe den Standpunkt des Profs etwas.)

Wie die neue entkörperlichte Kommunikationswelt aussehen könnte, dies zu diskutieren blieb uns leider keine Zeit. Reden wir hier von einer noch breiteren Palette von Icons, mit denen ich virtuell meine Stimmung ausdrücke. Keine Träne mehr, sondern eine Abbildung davon. Oder ob sich virtuelle Kommunikationserfahrungen in unserem Gehirn einfräßen und weiter entwickeln. Ein neuer Verhaltenskodex, der sich langsam herausbildet?

Ich gebe zu, hier fehlt mir die ein Idee. Stattdessen ziehen an meinem inneren Auge PC wütende Schreiberlinge vorbei. Eine Ansammlung von Piraten, die sich aufs übelste in der digitalen Welt beschimpft. Weil es anscheinend leichter ist, gegen einen Menschen abzulästern, der an einem anderen Notebook weit weg sitzt, aber nicht am gleichen Tisch. Gegen den Text eines unbekannten Gegenübers einen eigenen Text setzen, ohne dass diese Kommunikation zirkulär wird, verzahnt, dialogisch. Eine Kette nicht verwobener Statements – schöne, neue Kommunikationswelt.

Zu krass gemalt, ok. Trotzdem! Sich zu verständigen ist eine komplexe Angelegenheit  Wie dies über das Einhacken auf Tastaturen gelingen kann, bleibt für mich offen. Aber wahrscheinlich gehöre ich der falschen Generation an, die noch auf dem Bolzplatz groß geworden ist und nicht beim Zocken im Internet. Und leider werden wir die Piraten nicht mehr als lebendes Forschungsobjekt nutzen können, um zu analysieren, ob sie einen neuen virtuellen Kommunikationsstil prägen. Denn bis dahin wird es sie nicht mehr geben. Nicht allein, weil ihr Personal nur schwer zu goutieren ist, sondern weil sie sich kommunikativ zerlegt haben – in der virtuellen Welt wohlgemerkt. Scheint also nicht so einfach zu sein, die Kneipe durch Internet-Foren und virtuelle Communities zu ersetzen.