Leben 3.0 – was die Zukunft bringt

Unsere moderne Gesellschaft sehnt sich nach Prognosen. Dabei ist die Logik bestechend einfach: Die Menschen und Organisationen, die für sich entdeckt haben, was die Zukunft bringt, haben die Nase vorn, können sich doch bereits in der Gegenwart, die Weichen stellen und Entwicklungen antizipieren. Soweit die Gleichung – und so überrascht es nicht, dass Zukunft ohne Ende boomt. Vor kurzem begab ich mich daher auf einen Event – mit dem schönen Namen Leben 3.0 (ist das jetzt das neue Ordnungsprinzip, Begriffe mit Ziffern zu versehen?). Auf der Suche nach der Antwort auf die Zukunft.

Was ich entdeckt habe? Nun, es gibt es einen lukrativen Markt für Zukunft. Ob allerdings dessen Inhalte versprechen, was die Etiketten verheißen, steht auf einem anderen Blatt. So habe ich mich nach dem Bombardement an Zukunftsvisionen gefragt, ob sich nette Anekdoten aus dem Kraut-und-Rüben-Garten der Gesellschaft wirklich locker-flockig zu einem Trend verdichten lassen, der unser Leben in 20 Jahren prägen wird.

Haken drunter, aber was ich gar nicht verstanden habe: Wir reden alle von der differenzierten Welt, in der immer weniger verallgemeinerbar ist. Was ich tue, denke oder fühle, ist in hohem Maße milieugeprägt. Und wer sich regelmäßig mit den Sinus-Milieus beschäftigt, weiß, wie viel sich hier verändert hat. An Verschiebungen, Verfransungen, Überlappungen und anderem mehr. Nur, bei den Leben-3.0-Sprechern habe ich vergeblich nach Differenzierung gesucht. Bei ihnen heißt es mehr oder weniger gemeißelt: Wir alle werden über kurz oder lang unser tägliches Leben mit Smartphone-App‘s steuern. Einkaufen, Gesundheit – bei fast allem weist uns der digital-vernetzte Begleiter den passenden Weg. Schön, nur nehme ich wahr, dass es mittlerweile auch eine Bewegung gibt, die sich von der ständigen Erreichbarkeit dieser digitalisierten Welt verabschiedet. Und wenn Viele functional food goutieren, sehe ich auf dem anderen Pol genügend Menschen, die sich komplett natürlich ernähren möchten.

Es mag Trends geben, aber zu vielen dieser verdichteten Prognosen gibt es einen gegenläufigen Trend. Leider ist die Fähigkeit zu differenzieren ein kostbares Gut und lässt sich nicht wirklich gut vermarkten. Ich für meinen Teil nehme es daher ganz bodenständig: Für mich bleibt spannend, was die Veralterung der Gesellschaft nach sich zieht und wie sich die großen Diskrepanzen zwischen den Digital Natives und den älteren Menschen austarieren. Meine Hypothese wäre, dass sich nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch innerhalb der Generationen widersprüchliche Trends entwickeln, die ihre Wurzeln wiederum in den unterschiedlichen Milieus haben. In der daraus resultierenden Lebensgeschichte. Das heißt, Verallgemeinerungen werden immer weniger treffend und immer wichtiger der sensible und was Vorhersagen betrifft vorsichtige Blick.

In Bezug auf die Zunft der Zukunftsforscher, die mit Allgemeinheit hausieren gehen, verweise ich dezent auf ein Zitat eines sehr seriösen und fundierten Zukunftsforschers, Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der in einem Interview mit mir vor einem Jahr gesagt hat: „Zukunft ist mich zuerst einmal Herkunft. Ich muss zurückschauen, um nach vorn blicken zu können“. Als überzeugter Historiker füge ich dem nichts mehr hinzu. Es steht für sich. Sollen andere aus dem Kaffee lesen.

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