In Aktionismus erstarren?

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch die adventliche Hektik. Von wegen Besinnung und Ruhe, vielmehr sind die Terminkalender wichtiger Akteure (nur bezogen auf deren formalen StatusJ) pickepackevoll. Wenn Sie, geneigter Leser, jetzt meinen, ich würde auch in das Horn der Entschleunigung blasen, täuschen Sie sich gewaltig. Das überlasse ich Medien wie der altehrwürdigen Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe.

Mir geht es um anderes, das ebenfalls in den Kontext der vorweihnachtlichen Zeit passt: den Aktionismus! Gegen den rein gar nichts einzuwenden wäre, stünde er am Ende wohlüberlegter und ruhiger Diskussionen um die besten Ansätze. Im besten Sinne ein offener und (selbst-)kritischer Dialog, möglichst auf breiter und in diesem Sinne pluralistischer Ebene, getragen von der Kraft des guten Arguments. Doch leider steht oft am Anfang die Aktion und erst am Ende, wenn es nicht so funktioniert hat wie gewünscht, das Nachdenken auf der Tagesordnung. In Abwandlung: Wer nicht mehr weiter weiß, gründet keinen Arbeitskreis, sondern feuert auf den Markt.

Woran das liegt, sollte meine These plausibel sein, vermag ich kaum zu sagen. Aber natürlich biete ich Erklärungsmuster: Das erste hat schlicht mit Druck zu tun. Mit dem berühmt-berüchtigten Druck des Marktes und der üblen Wettbewerber, die nie Ruhe geben (selbst in der Adventszeit nicht). Und dem hausgemachten Druck, die Zahlen zu realisieren, die in langen Schleifen für das Geschäftsjahr festgezurrt wurden. Das schreit nach ständigen Aktionen, um im Marktgetümmel hinreichend Gehör und damit Geschäft zu finden.

Die zweite Erklärung hat mit den Kunden zu tun. Die leider ab und an nicht so wollen, wie es sich der Produzent verheißungsvoller Güter oder Services in seinem stillen Labor ausgedacht hat. Der wirft dann oft die Maschine an und fährt sie auf Hochtouren, ohne an die Käufer zu denken. Immerhin erkennen mittlerweile viele Unternehmen, dass es rein ihre Kunden sind, die ihnen Umsatz und Gewinn sichern. Vom Kunden aus denken erspart wilde Aktionen und bereitet den Boden stattdessen für Vernetzung und Einbindung. Das ermöglicht nicht nur ein tieferes Fundament, sondern auch Ruhe und Gelassenheit.

Aber ich hätte noch ein drittes Argument für den Aktionismus parat, fällt mir gerade ein, und das hat mit der Kultur von Unternehmen zu tun. Die proklamieren in Leitbildern gerne eine offene Kommunikation, aber leben sie eher selten. Vielmehr wird Kritik, werden andere Standpunkte nicht auf dem Marktplatz konstruktiver Ideen eingebracht, sondern nur im Small Talk mit Kollegen. Kritiker gleich destruktiv, kennen Sie diese Logik nicht auch? Wenn die Dinge aber nicht auf dem Tisch liegen, sondern gebunkert werden, stärkt dies wiederum indirekt den Aktionismus.

Daher mein adventliches Plädoyer: Ruhe und Denken kommt zuerst, und dann die passenden Aktionen. Für solches Handeln bedarf es einer offenen und kritikfähigen Kultur, die vor allem eines auszeichnet: immer den Kunden im Fokus zu haben. In diesem Sinne eine gute Zeit und bis im nächsten Jahr.

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PS: Meine Website verändert sich – zwar langsam, aber immerhin. In diesem Wandel wird die Goethe`sche Identität in die Textarchive verbannt und der Dissonanz mehr Platz eingeräumt.

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