Kollektiv oder Leader – zu gegebenem Anlass

Kaum war das Match gegen Italien verloren, karrte der Boulevard seine Böllerkanonen an und schoss auf alles, was sich im deutschen Fußball bewegte. Eine Kugel dabei: alles liebe Jungs, aber es fehlen die harten Männer, die Leader. So jemand wie der brachiale Kahn oder Stinkefinger-Effenberg. Die mit ihrer Körpersprache vorausgingen und Zeichen setzten. Blutgrätsche und fertig. Oder Hauptsache mal gebrüllt.

Wenn wir den Schein auf Unternehmen werfen, gibt es auch hier ähnliche Diskussionen, die immer wieder aufschlagen. Wenn Unternehmen in der Krise sind, dann, weil ihnen die Haudegen fehlen, die sich auf den Marktplatz werfen und Breschen schlagen. Es gibt im Chor der Dissonanzen aber auch das Gegenlied: zu viele Selbstdarsteller und zu wenig Team, zu wenig Kollektiv zerstöre Organisationen.

Gerne dürfen Sie sich das passende raussuchen, je nach Stand der Dinge. Bei der deutschen Nationalelf hatten die Kommentatoren bis vor kurzem noch den neuen Stil gepriesen. Endlich weg vom deutschen K(r)ampf und Willen hin zu beschwingtem, ästhetischem Fußball, zu dem sich auch das Jogi-Outfit so wunderbar einfügte. Deutsche, die richtig Party machen, ohne in dumpfen Nationalismus zu verfallen.

Und jetzt – fordern Politiker, dass jeder Nationalspieler die deutsche Hymne nicht nur mitsingt, nein: mitbrüllt. Wie diese inbrünstigen Italiener (deren Hymne so wunderbar ist, dass ich selbst mitgesungen habe, was mir bei der schweren, gediegenen deutschen nicht im Leben einfallen würde). Hand aufs Herz: Gehen Sie jeden Morgen ins Büro mit dem Gefühl vollster Leidenschaft für Ihren Arbeitgeber. Oder ist es eine geschäftsmäßige Beziehung – Bezahlung gegen Leistung? Empirische Zahlen sprechen hier für sich.

Außerdem frage ich mich, wo diese Leader herkommen sollen, im Fußball wie in Organisationen. Heutige Fußballer werden von früher Jugend an gehätschelt. Von wegen Balotelli! Dass einer von der Straße kommt und sich durchbeißt, kommt kaum mehr vor. Die guten sind mit 12,13 Jahren auf dem Radar der Späher und damit in den Zwängen des Fußballapparats. Geölt durch Geld und clevere Berater.

In der freien Wirtschaft ist es ähnlich. Oder kennen Sie Akteure, die sich von ganz unten nach oben durchgeschwommen haben. Eher ist der Weg vorgeschrieben durch die Eltern, die Wahl der richtigen Hochschule, den Weg durch die Institutionen und so weiter. Vielleicht entsteht das, was wir unter Persönlichkeit verstehen über Widerstände, Differenz, Reibung, die prägen. Nur, in dem glattgewaschenen, perfektionistischen Betrieb – heißt er Fußball oder Wirtschaft – steht das nicht mehr auf dem Karrieremasterplan.

Das hat auch viele Vorteile, denn gut ausgebildete Teams funktionieren meist reibungslos und benötigen nicht den Leader, dessen Auftreten oft mit vielen Gefahren verbunden ist. Nahezu ideal wäre es, wenn Organisationen und Mannschaften beides auszeichnen würde. Ein Kollektiv, das weiß: Es geht nur gemeinsam. Und doch mit den Typen im Team, die mitreißen – nicht weil sie demagogische Fähigkeiten haben, sondern über Leistung, qua Überblick sowie Erfahrung und Reflexion motivieren. So einer wie Khedira – und der ist ja in meinem Lieblingsverein ausgebildet worden.

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