Müllers Kuh und Müllers Esel ist das ‚Du‘

Kennen Sie noch den Abzählreim: Ich und Du, Müllers Kuh, Müllers Esel das bist Du. Raus musste dann der, auf den der Finger beim Du zeigte. Zu schön, um wahr zu sein, wenn es so wäre: Zwar gibt es Dutzende von fortschrittlichen Seminaren, in denen uns um die Ohren gehauen wird, nur Ich-Botschaften zu streuen. ‚Ich nehme wahr‘, ‚ich meine‘ und so weiter. Aus guten Gründen, mit dem ‚Ich‘ signalisieren wir: Ich maße mir nicht an, das Recht auf die Interpretation der Situation gepachtet zu haben. Vielmehr bin ich bescheiden und gehe von meiner begrenzten Weltsicht aus. Du, mein Gegenüber, nimmst die Wirklichkeit höchstwahrscheinlich anders wahr, mit Deinem ‚Ich‘. Und das was Du kundtust, ist genauso legitim wie meine Ergüsse. Genau dies anerkenne ich, wenn ich von ‚Ich‘ spreche. Wenn es funktioniert, entlastet es unseren Dialog enorm. Wir vermeiden das so beliebt-berüchtigte finger-pointing auf Müllers Esel – ‚Du‘ – und schaffen Freiräume für gelungene Kommunikation.

Soweit, so gut. Die kommunikative Realität sieht dagegen oft anders aus. In Seminaren mag dies noch klappen, auf Ich-Botschaften zu achten. Aber zurück im alltäglichen Wahnsinn des Büros oder der manchmal schalen Beziehungswelt bricht das ‚Du‘ wieder mit uns durch. ‚Du bist‘ … – und schon ist der Aufkleber auf die Stirn des Gegenübers gemeißelt. Oder noch schlimmer, wenn sich die Du-Aussagen gar mit Imperativen mischen, nach dem Motto, ‚Du musst‘ … Beziehungsgeschädigte verweise ich dann immer auf die apokalyptischen Reiter, die dafür sorgen, immer tiefer im schlammigen ‚Du‘-Moor  zu versinken.

Im beruflichen Alltag gibt es diese Reiter übrigens auch, aber nicht in den noch vergleichsweise harmlosen ‚Du‘-Botschaften. Sportlich galoppieren sie auf uns zu, wenn wir von unserem Gegenüber damit konfrontiert werden, was Dritte über uns sagen – das sind die von mir so getauften Es-Botschaften. Du und Es, Müllers Depp ist der da.

Selten bin ich ratlos, aber bei diesem Thema leider häufiger. Ich predige dann mit mir selbst, äußere Dich als ‚Ich‘, keine Du-Botschaften. Und  es gelingt nicht immer, aber je mehr ich auf die Du-Botschafter und ihre Du-Aussagen achte, umso besser hilft dies meinem Bewusstsein. Dies ist eine Art inneres Yoga. Tröstlich zudem zu wissen, dass es keine Wahrheit gibt, nur unsere subjektiven Konstruktionen über das, was uns umgibt. Und: Was mich die Aussagen der Du-Botschafter scheren, entscheide ich selbst. Dann löst sich der Finger, der auf mich zeigt, in Luft auf. So einfach.

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