Pragmatismus versus Kern

Wir reden von grundsätzlichen  Weltanschauungen: Wollen wir persönliche Belange, Beziehungen oder Strukturen von ihrem Kern aus betrachten und verändern. Oder lassen wir tief angelegte Fundamente mit ihren historischen Prägungen eine gute Frau sein. Und verwenden unsere Energie lieber darauf, in unserer Gegenwart einigermaßen gut zu leben.

In der Psychologie gibt es beispielsweise die Psychoanalytiker, die in der Tiefe kindlicher Erfahrungen bohren, um Knackpunkte freizulegen und diese dann zu bearbeiten. Dagegen geht es den pragmatischen Vertretern dieser Spezies ‚nur‘ darum, Verhaltensweisen in der Gegenwart zu ändern, um schlicht mit unserer Umwelt und uns selbst einigermaßen zurecht zu kommen. Der (vermeintliche) Kern ist in diesem Modell eher eine Black Box. Eine DNA, die wir nicht entschlüsseln können.

Was das mit unseren Organisationswelten zu tun hat? Einiges behaupte ich frech. Kennen Sie nicht unzählige Gespräche in ihrem Berufsleben, in denen ihr Gegenüber schlüssig und zwingend erläutert, welch falsche Weichen sein Unternehmen gestellt hat, wie stark Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Trotzdem, und das ist das verblüffende, existiert sein Unternehmen weiter fort und schert sich einen Dreck um diese Kritik. Es funktioniert, weil das eigene System hinreichend gut mit dem übergeordneten Rahmen und den benachbarten Systemen harmoniert.

Klar reden wir von Momentaufnahmen. Spannend wird es, wenn sich in meinem System etwas tut. Ein neuer Ober-Boss macht einiges anders. Die Organisation spaltet sich auf bzw. wird um neue Bereiche erweitert. Oder der Markt verändert sich, weil Social Media völlig neue Geschäftsprozesse ermöglicht und unser Kaufladen um die Ecke mega-out ist. Obwohl er gestern noch bestens lief.

Schlägt jetzt die Stunde der Fundamentalisten, die an der DNA sezieren und die „Gene“ der Organisation austauschen? Oder die der Pragmatiker der kleinen Schritte, die nicht gleich das Skalpell zücken. Mein Herz schlägt bekanntlich für die Pragmatiker. Als dezenter Skeptiker fällt es mir schwer zu glauben, wir kämen immer an den Kern. Reden wir über einen Kern, reden wir nicht über ihn selbst, sondern über unsere Sichtweise auf ihn. Guter, alter Konstruktivismus (für meine Freunde, die mich immer damit aufziehen J). Die Black Box – wenn sie einige Stellen heller erleuchtet, ist viel erreicht.

Gleichwohl: Bei fundamentalen Marktumwälzungen kann Pragmatismus nicht angesagt sein. Wenn disruptive Technologien alles über den Haufen werfen, beißen einige Unternehmen ins bittere Gras. Fragt sich nur, ob sie dies auch getan hätten, wenn sie ihren Kern verändert hätten. Wäre ihnen überhaupt die Zeit geblieben? Ich habe vorsichtige Zweifel, aber dies betrifft natürlich auch meine eigene Haltung. Experimentum mundi. Ausgang offen.