Verantwortung oder Gesinnung im digitalen Sog

In seinem Beitrag „Der Beruf zur Politik“ hat der Soziologe und Nationalökonom Max Weber zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik unterschieden. Ist es Zufall, dass ich derzeit an Max Weber denke? Natürlich ist dies eine rhetorische Frage, ein dramaturgischer Trick des Autors: Es ist kein Zufall. Und das nicht nur, weil ich ein Freund klassischer oder sollte ich besser sagen: zeitloser Denker bin. Sondern weil sich die unauflösbaren Spannungen zwischen diesen beiden konträren ethischen Grundhaltungen derzeit so wunderbar in den digitalen Verwerfungen spiegeln.

Gerade in den Social Media beweihräuchern sich digitale Einheimische gegenseitig mit hippen Schlagwörtern. Gesinnungsbrüder und -schwestern der digitalen Gemeinde. So weit weg ist das gar nicht von Religion. Nur geht es hier nicht um die Anbetung Gottes, sondern der Digitalisierung und der mit ihr verbundenen Veränderungen, die uns ins gelobte Land demokratischer und jederzeit agiler Organisationen führen.

Knifflig wird es, wenn diese digitale Monstranz auf die vermaledeite Wirklichkeit von Organisationen stößt. Auf deren Geschichte und Strukturen. Geprägt von knochenharten Silos, bekannten Machtspielen und Null-Bock-auf-Veränderung-Akteuren. Nein, ich hege keine heimliche Zuneigung für Blockaden und bin alles andere als strukturkonservativ. Vielmehr geht es mir um den Ausgangspunkt unseres Handelns und Denkens: Sind es die Verheißungen der neuen digitalen Welt, eine Spielart von Gesinnung? Oder ist es die schnöde Realität, die Art und Weise, wie sich Menschen in Organisationen und deren Strukturen bewegen.

Dann reden wir von staubtrockenem Pragmatismus, der im guten Fall getragen ist von Verantwortung für Menschen. „Ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß“, heißt es bei Weber so schön. Die traurige Gewissheit von Verantwortungsethikern. Wer dagegen von seiner Gesinnung überzeugt ist und so mit dem Kopf durch die Wand will, erntet Haltungspunkte, läuft aber Gefahr, im realen Leben wenig bis nichts zu bewegen. Und wenn es schlecht läuft, werden dadurch Gräben aufgerissen oder bestehende vertieft.

Nicht umsonst hielt Weber die Kluft zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik für unüberwindbar. Sekt oder Selters, aber kein Schorle. Na klar ist es ist gut, Predigten zum digitalen Wandel zu lauschen. Sie rütteln unser neuronales Netzwerk auf. Zu recht. Doch kommen wir ohne Verantwortungsethik wirklich weiter? Haben wir mit der richtigen Gesinnung auch nur einen Blumentopf gewonnen geschweige denn verrückt. In den zähen Alltag eintauchen, ist ein anderes Spiel. Es bedeutet, Themen breit als auch tief zu analysieren, viele Meinungen an einen Tisch zu holen, diese von verschiedenen Aspekten aus zu bewerten und erst danach zu handeln. Das ist mühselig und zäh, alles andere vergnügungssteuerpflichtig. Nur einen anderen Weg gibt es zumindest für Verantwortungsethiker nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.