Wir digitalen Analphabeten

Es ist ein Kreuz für uns Mittelalterliche. Bei Social Media können oder dürfen wir nicht mehr mitreden. Weil wir schlicht nicht verstehen (können), was da abgeht, wie dort kommuniziert wird und was überhaupt angesagt ist in dieser schönen, neuen Welt. Denn wir sind –so das Credo der Einwohner dieser digitalen Sphären – in der alten Welt der analogen Formen stehen geblieben. Digitale Analphabeten.

Das ist natürlich hart für uns Babyboomer, für die es bis vor kurzem fast nur aufwärts ging. Nehmen wir ruhig mich: Ich verstehe kaum, wie sich Facebook-Freunde ihre privaten Fotos um die Ohren hauen. Betrachte ich dies, komme ich mir vor, als ob ich in die digitale Privatsphäre von Menschen rutsche, die mich eigentlich gar nichts angeht. Denn so gut kenne ich meine digitalen Freunde nicht. Trotzdem findet alles in einem öffentlichen Raum statt, den ich dann betreten verlasse.

Oder – bleiben wir ruhig bei mir – ich frage mich, ob den Digitalos ihr eigentliches Leben in der physischen Welt wichtiger ist als Foto über ihr Leben, das sie mit ihrem Smartphone in Fast-Echtzeit in Social Media posten. Als ob es gar nicht um das Erlebnis eines sagen wir wunderbaren Sonnenuntergang geht, sondern um dessen Dokumentation für die lieben Facebook-Freunde daheim. Es rauscht und macht und tut – nur zu welchem Sinn und Zweck? Aber wahrscheinlich ist auch diese Frage müßig, weil analog: Bekanntlich ist das Medium die eigentliche Botschaft.

Trotzdem denke ich ab und an: Es hat auch etwas für sich, über eine längere Spanne auf Kommunikation  blicken zu können. Von der reinen Printwelt über Internet bis hin zu Social Media. Wir reden jetzt von professioneller Kommunikation im Geschäftsumfeld. Es schärft den Blick und hilft, wesentliches von Schrott zu unterscheiden. Um was es eigentlich geht.  Hier hilft zudem auch immer der Blick auf Zahlen. Bis dato reden wir bei Social Media erst einmal von privater Welt. Zum zweiten auch. Dies zeigen alle empirischen Studien. Was sich für das Big Business ergibt, werden wir in einigen Jahren sehen. Ob es innovative Geschäftsprozesse und -modelle  oder  und neue Kommunikationsformen, die wirklich fruchten. Stand heute reden wir von me too, wir sind auch da, hallo. Und das ist auch gut so.

Ach ja, als Gestriger J noch ein kleiner Fingerzeig. Für mich steckt eine wesentliche Kraft von Social Media, wenn sie im Innenleben von Organisationen wirkt. Wenn sie hilft, uns besser zu vernetzen, uns mit den genau richtigen Kollegen auszutauschen, wenn wir dadurch schneller und direkter an gemeinsamen Projekten arbeiten. Dann verbindet sich Social Media wunderbar mit den kulturellen Werten des Enterprise 2.0. Das wäre endlich der Abschied aus der öden Welt der Intranet-Müllhalden und bleiwüstigen Wissensdatenbanken. Hinein in eine bunte, chaotische, demokratischer Welt interner Ströme, die auch nach außen münden. Einfache Werkzeuge, intuitiv bedienbar, selbst erklärend. Zu schön, um wahr zu sein. Aber allemal nachhaltiger als mein Bild-Post auf meine Geburtstagstorte in Facebook.

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